08.05.2026
Lernkultur gestalten: Intrapreneurship in der beruflichen Bildung
Was bedeutet Intrapreneurship? Und welches Potenzial hat dieser Ansatz gerade für Berufsbildende Schulen? Diese und weitere Fragen standen im Mittelpunkt unserer dritten Ausgabe von EE.kompakt mit Dr. Andreas Slopinski von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
Zwischen Fachkräfteausbildung und Unternehmergeist
Auf den ersten Blick wirken die Ziele widersprüchlich: Die duale Berufsausbildung qualifiziert Fachkräfte für bestehende Betriebe. Entrepreneurship Education hingegen fördert unternehmerische Selbstständigkeit und auch die Gründung eigener Betriebe. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass Fachkräfte dem Betrieb verloren gehen.
Intrapreneurship löst diesen Widerspruch auf. Hier geht es nicht darum, ein Unternehmen zu verlassen, sondern es von innen heraus mitzugestalten. Eigeninitiative, Innovationsfähigkeit und verantwortungsbewusstes Handeln stehen im Mittelpunkt.
Für Schulen bedeutet das: Lernende sollen befähigt werden, Ideen einzubringen, Prozesse zu hinterfragen und aktiv an Veränderungen mitzuwirken. Genau diese Kompetenzen sind in der heutigen Arbeitswelt besonders gefragt.
Mehr als Methoden: Warum die Lernkultur entscheidend ist
Viele Schulen setzen bereits auf effektive Methoden wie Schüler:innenfirmen, Planspiele, Design-Thinking-Workshops oder Wettbewerbe. Das ist ein wichtiger Schritt. Entscheidend ist jedoch nicht nur, was gelernt wird, sondern auch wie. Neben diesen sichtbaren Methoden braucht es eine passende Lernkultur.
Eine solche Lernkultur zeigt sich zum Beispiel darin,
- wie viel Eigenverantwortung Lernende übernehmen dürfen,
- welche Rolle Lehrkräfte einnehmen,
- wie mit Fehlern umgegangen wird,
- wie Feedback gestaltet wird.
Drei Hebel für eine intrapreneuriale Lernkultur
1. Entscheidungsspielräume eröffnen
Intrapreneurship entsteht dort, wo Lernende gestalten und eigene Entscheidungen treffen können. Das kann im Unterricht so aussehen:
- Aufgaben sind so gestaltet, dass es mehrere sinnvolle Lösungswege gibt.
- Lernende entscheiden mit, wie sie vorgehen oder welche Schwerpunkte sie setzen.
- Eigene Ideen und Vorschläge werden ausdrücklich aufgegriffen.
Lehrkräfte begleiten diesen Prozess als Coaches und Vorbilder. Sie geben Orientierung und zeigen, wie innovatives Denken aussehen kann.
2. Aus Fehlern lernen
Wo Gestaltungsspielräume entstehen, passieren Fehler. Genau das ist gewollt. Eine konstruktive Fehlerkultur bedeutet:
- Fehler werden nicht vermieden, sondern genutzt.
- Fehler regen zur Reflexion an.
- Fehler bilden die Grundlage für Verbesserungen.
Lehrkräfte unterstützen, indem sie Fehler verständlich einordnen, erklären und Lernprozesse sichtbar machen. So werden aus Unsicherheiten echte Lernchancen.
3. Konstruktives Feedback ermöglichen
Feedback ist entscheidend, um aus Erfahrungen zu lernen. Wichtig ist dabei:
- Feedback sollte konkret und nachvollziehbar sein.
- Feedback zeigt Entwicklungsmöglichkeiten auf.
- Auch Rückmeldungen von Lernenden (Peer-Feedback) untereinander sind wertvoll.
Eine vertrauensvolle Feedbackkultur stärkt die fachliche Entwicklung und das Selbstvertrauen von Schüler:innen.
Was sich dafür verändern muss
Damit eine solche Lernkultur entstehen kann, braucht es passende Rahmenbedingungen.
Dazu gehören zum Beispiel:
- die Entlastung von Lehrkräften durch schlankere (Verwaltungs-)Prozesse und die Arbeit in multiprofessionellen Teams
- die Reformation von Lerninhalten, etwa durch fächerübergreifende Ansätze und die Verankerung von Entrepreneurship Education über mehrere Lernfelder hinweg
- eine Weiterentwicklung der Lehrkräfteausbildung und die damit verbundene Teilnahme an Fortbildungsangeboten
Gleichzeitig gibt es bereits heute Spielräume. Schulen können Inhalte gewichten und Lehrkräfte ihre Methoden flexibel wählen. Diese Möglichkeiten lassen sich gezielt nutzen.
Drei konkrete Impulse für die Praxis
#1 Eine Kultur des Zutrauens schaffen
Ermöglichen Sie echte Mitgestaltung im Unterricht und trauen Sie Ihren Schüler:innen zu, eigene Lösungen und Ideen zu entwickeln.
#2 Fehler als Lernchancen nutzen
Machen Sie Reflexion zum festen Bestandteil Ihres Unterrichts.
#3 Feeback bewusst gestalten
Geben Sie differenzierte Rückmeldungen und fördern Sie den Austausch unter Lernenden.
Zum Download
Weiterführende Informationen
- Frank, H.; Korunka, C. Lueger, M. & Weismeier-Sammer, D. (2016). Intrapreneurship Education in the dual education system. International Journal of Entrepreneurial Venturing, 8(4), 334-354.
- Idel, T.-S. (2022). Schulkultur– Lernkultur – Schulentwicklungsarbeit. Schulpraxeologische Konzepte und ihre Perspektiven auf Mediatisierung. In C. Kuttner & S. Münte-Goussar (Hrsg.), Praxistheoretische Perspektiven auf Schule in der Kultur der Digitalität (S. 67-95). Wiesbaden: Springer VS.
- Klieme, E. (2022). Unterrichtsqualität. In M. Harring, C. Rohlfs & M. Gläser-Zikuda (Hrsg.), Handbuch Schulpädagogik (2. Aufl.; S. 393-408). Münster: Waxmann.
- Oser, F.; Hascher, T. & Spychiger, M. (1999). Lernen aus Fehlern. Zur Psychologie des „negativen“ Wissens. In W. Althof (Hrsg.), Fehlerwelten. Vom Fehlermachen und Lernen aus Fehlern (S. 11–41). Wiesbaden: VS.
- Reich, K. (2010). Systemisch-konstruktivistische Pädagogik (6. Aufl.). Weinheim: Beltz.
- Spitzner, S. & Retzmann, T. (2024). Vorstellung von Rahmenmodell und Kompetenztest zum innovativunternehmerischen Wissen und Denken. In K. Kögler, H.-H. Kremer & V. Herkner (Hrsg.), Jahrbuch der berufs- und wirtschaftspädagogischen Forschung 2024 (S. 198-220). Opladen: Budrich.
- Wisniewski, B.; Zierer, K. & Hattie, J. (2020): The power of feedback revisited: A meta-analysis of educational feedback research. Frontiers in Psychology, 10, 1-14.
Über den Referenten
Dr. Andreas Slopinski lehrt und forscht in Fachgebiet Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Universität Oldenburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung, das Lehren und Lernen in einer Kultur der Digitalität und die Professionalisierung des beruflichen Bildungspersonals.