01.06.2026
„Einfach machen, auch wenn Widerstände da sind.“
Am Konrad Wachsmann Oberstufenzentrum in Frankfurt (Oder) sind Schüler:innenfirmen weit mehr als ein praktisches Unterrichtsprojekt. Aus kurzfristigen AGs sind nachhaltige Strukturen entstanden, die wirtschaftliches Lernen, Sprachbildung und Persönlichkeitsbildung miteinander verbinden. Im Rahmen unseres digitalen Impulsformats EE.kompakt erzählt die stellvertretende Schulleiterin Nadine Heinrichs, was die beiden Schüler:innenfirmen auszeichnet, wie sie sich voneinander unterscheiden und warum die gesamte Schulgemeinschaft davon profitiert.
© Oliver Wolff
Zwei Schüler:innenfirmen, viele Lernchancen
An dem brandenburgischen Oberstufenzentrum gibt es aktuell zwei Schüler:innenfirmen: die Cateringfirma SNACKOSZ sowie den Kostümverleih Kosztüm. Bis sich die beiden Firmen fest etablierten, setzte die Schule zunächst auf kleinere, zeitlich begrenzte Projekte: Schüler:innenfirmen wurden gegründet, nach ein bis anderthalb Jahren wieder aufgelöst und durch neue Firmen ersetzt.
„Aus Marketingsicht war das aber nicht immer sinnvoll“, erklärt die stellvertretende Schulleiterin Nadine Heinrichs. Deshalb entschied sich die Schule dafür, dauerhafte Schüler:innenfirmen aufzubauen, die heute fester Bestandteil des Schullebens sind.
Das Catering-Team von SNACKOSZ übernimmt inzwischen Veranstaltungen innerhalb und außerhalb der Schule und kann auch regional gebucht werden. Der Kostümverleih entstand aus Beständen des ehemaligen Kleist Theaters in Frankfurt/Oder und wird mittlerweile regelmäßig für Karneval, Mottopartys oder Theateraufführungen angefragt.
Vom Nachmittagsangebot in den Unterricht
Die Cateringfirma startete ursprünglich als AG. Mit der Einführung des Seminarkurses zu Berufs- und Studienorientierung im Schuljahr 2015/2016 wurde die Arbeit stärker in den Unterricht integriert. „Offiziell sind es zwei Stunden pro Woche. In der Realität investieren die Jugendlichen aber deutlich mehr Zeit“, so Nadine Heinrichs.
Im Seminarkurs geht es nicht nur ums praktische Arbeiten, sondern auch um grundlegende wirtschaftliche Fragen: Wie ist ein Unternehmen aufgebaut? Wie funktioniert Produktentwicklung? Wie gewinnt man Kund:innen? Wie läuft das Marketing? Die Schüler:innen stellen zum Teil eigene Produkte her und erleben wirtschaftliche Prozesse unmittelbar im Alltag. Wie Nadine Heinrichs erklärt, organisiert SNACKOSZ ihre Akquise inzwischen größtenteils selbstständig und ist in der Stadt gut vernetzt.
Beim Kostümverleih stehen dagegen andere Lernprozesse im Mittelpunkt. Hier spielt insbesondere Sprachbildung eine große Rolle. Umgesetzt wird die Schüler:innenfirma, die im Rahmen des Kurses Grundbildung+ durchgeführt wird, von Jugendlichen mit Fluchterfahrungen, die durch die praktische Arbeit ihre Sprachkenntnisse erweitern. Nadine Heinrichs betont: „Über die praktische Arbeit lernen die Jugendlichen ganz nebenbei neue Begriffe. Was ist ein Rock? Welche Farben gibt es? Wie heißen verschiedene Stoffe oder Knöpfe? Ökonomische Bildung wird dadurch gleichzeitig auch Sprachbildung.“
Aktuell plant der Kostümverleih gemeinsam mit kobra.net den nächsten Entwicklungsschritt. Die Schüler:innen sollen künftig selbst kleinere Näharbeiten übernehmen und Reparaturen durchführen.
Ausprobieren, Fehler machen und daraus lernen
Besonders wichtig ist der Schulleiterin die unterschiedliche pädagogische Herangehensweise in den beiden Schüler:innenfirmen. Im Cateringbereich gilt häufig das Prinzip: erst einmal ausprobieren, Erfahrungen sammeln und anschließend gemeinsam reflektieren.
„Wir lassen die Schüler:innen erst einmal machen. Wenn Fehler passieren, gehen wir danach gemeinsam ins Gespräch und knüpfen Schritt für Schritt an die Theorie an.“
Nadine HeinrichsIm Kostümverleih wird dagegen kleinschrittiger gearbeitet. Nach einem ersten theoretischen Input folgt dort die praktische Umsetzung.
Trotz der unterschiedlichen Ansätze begegnen beiden Schüler:innenfirmen ähnliche Herausforderungen. Dazu gehört zum Beispiel der Umgang mit Kund:innen oder das Auftreten auf Veranstaltungen und Messen. Gerade darin liege aber ein enormes Potenzial. „Es ist eine wunderbare Chance für die Schüler:innen, über sich hinauszuwachsen“, so Nadine Heinrichs.
Was gute Schüler:innenfirmen ausmacht
Für Nadine Heinrichs steht vor allem eines im Mittelpunkt: Jugendliche sollen eigene Ideen verwirklichen und erleben, dass diese erfolgreich funktionieren können. „Im normalen Unterricht passiert das oft viel zu selten.“ Wenn die Cateringfirma beim Tag der offenen Tür erfolgreich arbeitet oder sich der Kostümverleih über neue Anfragen freut, entsteht etwas, das im klassischen Unterricht oft schwer erreichbar ist: echte Selbstwirksamkeit.
Besonders schön sei außerdem, ehemalige Schüler:innen wiederzutreffen, die sich noch Jahre später an ihre Zeit in der Schüler:innenfirma erinnern und erzählen, wie sehr sie davon profitiert haben. Nicht nur Erfolgserlebnisse seien dabei wichtig, sondern auch die Erkenntnis, wo die eigenen Grenzen liegen. „Manche merken: Verantwortung übernehmen liegt mir. Andere merken: Das ist vielleicht nicht meins. Aber auch das ist eine wichtige Erkenntnis.“
Mutig sein und Mitstreiter finden
Der Rat von Nadine Heinrichs an andere Lehrkräfte und Schulleitungen ist klar: „Einfach machen, auch wenn Widerstände da sind.“ Wichtig sei es, Mitstreiter zu finden und die Schulleitung früh mit ins Boot zu holen. Vor allem aber brauche es Mut, Dinge auszuprobieren. „Nicht jede Idee funktioniert sofort. Manche Ideen sind gut, andere nicht. Aber auch das Scheitern gehört zum Lernen dazu. Genau darin steckt oft die wichtigste Erfahrung,“ so die stellvertrende Schulleiterin.