29.04.2026
Einfach machen lassen: Wenn aus Fehlern die besten Lernmomente entstehen
Wie sieht eine Kultur der Selbstständigkeit an Schulen konkret aus? Wie können Schüler:innen im Schulalltag gezielt darin gestärkt werden, Verantwortung zu übernehmen, eigenständig zu arbeiten und eigene Ideen zu entwickeln? Und welche Rolle nehmen Lehrkräfte dabei ein? Über diese und weitere Fragen haben wir im Rahmen unseres digitalen Impulsformats EE.kompakt mit Hannes Stiepel gesprochen. Er ist Lehrkraft an der Berufsfachschule BBS Neustadt und begleitet dort eine Schüler:innenfirma. Welche Erfahrungen er dabei macht, und welche Rolle Intrapreneurship im Schulalltag spielt, berichtet er im Interview.
Schüler:innenfirmen: Es geht um mehr als Verkaufen
An der Berufsfachschule haben Schüler:innenfirmen eine lange Tradition. Wie Hannes Stiepel betont, „laufen diese einfach richtig gut“. Sie entstehen nicht jedes Jahr neu, sondern sind fester Bestandteil des Unterrichts in den jeweiligen Fachbereichen und über Jahre hinweg etabliert. Da es sich bei der Berufsfachschule um eine einjährige, vollzeitschulische Schulform handelt, wechseln zwar die Schüler:innen jährlich, die Geschäftsmodelle der Schüler:innenfirmen bleiben jedoch bestehen. So gibt es beispielsweise seit 25 Jahren einen Kiosk, der dem Wirtschaftsbereich zugeordnet ist und den Hannes Stiepel seit nunmehr 10 Jahren als Lehrkraft mit den Schüler:innen betreut. In dem Kiosk geht es nicht primär um das Verkaufen. Vielmehr entstehen reale Anlässe für fachliche Inhalte: Rechnungen erstellen, Buchungen abwickeln, Prozesse organisieren. Besonders motivierend sei der Moment, wenn Kund:innen tatsächlich ihre Rechnungen bezahlen: „Darauf sind viele richtig stolz.“
„Durch den Praxisbezug können sich alle etwas darunter vorstellen“
Hannes StiepelDer Kiosk ist fest im Schulalltag verankert. Mehrere Stunden pro Woche arbeiten die Schüler:innen in einem rotierenden System in der Schüler:innenfirma. Die Schulleitung steht voll hinter dem Angebot, zudem ist die Klasse doppelbesetzt, sodass eine enge Begleitung möglich ist. Für Hannes Stiepel ein großer Vorteil: „In der Berufsfachschule können wir da wirklich aus dem Vollen schöpfen.“
Gleichzeitig unterscheidet sich diese Form des Lernens deutlich vom klassischen Unterricht. Nicht alles ist planbar – und genau darin liegt die Stärke. „Natürlich passieren Fehler, zum Beispiel, wenn Waren fehlen“, berichtet Hannes Stiepel. „Aber genau dann entstehen die besten Lernmomente.“ Lösungen werden im Team gemeinsam entwickelt, Feedback kommt aus der Gruppe ebenso wie von der Lehrkraft.
Fehler machen und daraus lernen
Diese gelebte Fehlerkultur ist ein zentraler Bestandteil von Intrapreneurship. Lernen bedeutet hier nicht, Fehler zu vermeiden, sondern, sie bewusst zu durchlaufen, zu reflektieren und daraus zu lernen. Auch an der Schule gilt: Entscheidungen werden bewusst in die Hände der Schüler:innen gelegt, selbst wenn das bedeutet, dass nicht alles auf Anhieb funktioniert.
Ein Beispiel aus dem Kiosk: Zu Beginn des Schuljahres entscheiden die neuen Teams eigenständig über das Sortiment. Die Entscheidungsspielräume sind groß. Gleichzeitig zeigt sich schnell, welche Produkte sich verkaufen und welche nicht. „Ich könnte ihnen natürlich vorher sagen, was nicht funktioniert“, sagt Hannes Stiepel. „Aber diese Erfahrung müssen die Schüler:innen selbst machen.“
Wenn ein Produkt floppt, ist das zunächst enttäuschend. Gleichzeitig entsteht genau hier ein wertvoller Lernprozess: Daten auswerten, Entscheidungen hinterfragen, neue Ideen entwickeln. Sein Grundprinzip bleibt dabei klar: „Man darf Ideen nicht abwürgen, denn die Schüler:innen führen den Kiosk.“
Praxisnähe schafft Motivation und stärkt Kompetenzen
Gerade für Schüler:innen, die im klassischen Unterricht wenig Motivation zeigen, eröffnen die Schüler:innenfirmen neue Zugänge. „Viele kommen ungern zur Schule, aber im Kiosk blühen sie auf“, beobachtet Hannes Stiepel. Der direkte Praxisbezug hilft ihnen, den Sinn ihres Handelns zu erkennen und Verantwortung zu übernehmen. Damit wird Intrapreneurship konkret erlebbar: Die Schüler:innen handeln eigenständig, treffen Entscheidungen und tragen die Konsequenzen. Dabei entwickeln sie zentrale Kompetenzen: von Selbstorganisation über Kommunikationsfähigkeit bis hin zu unternehmerischem Denken.
Im Laufe des Schuljahres ist die Entwicklung der Schüler:innen deutlich sichtbar: Zu Beginn müssen Abläufe erst gefunden werden, vieles ist noch unstrukturiert. Mit der Zeit entstehen Routinen und das Team wächst zusammen. „Am Ende sehen die Schüler:innen, was zu tun ist und handeln eigenständig“, beschreibt Hannes Stiepel. Genau diese Fähigkeit, Arbeit zu erkennen und Verantwortung zu übernehmen, sei auch in Unternehmen stark gefragt. Rückmeldungen aus Praktika bestätigen das: Gesucht werden Mitarbeitende, die mitdenken und Aufgaben eigenverantwortlich angehen.
„Man muss den Mut haben, es einfach zu tun“
Für Lehrkräfte, die Entrepreneurship Education oder sogar Schüler:innenfirmen an der eigenen Schule etablieren wollen, hat Hannes Stiepel klare Empfehlungen:
- Einfach anfangen und dranbleiben: Schüler:innenfirmen sind eine wirkungsvolle Unterrichtsform, in der Schüler:innen fachlich und persönlich wachsen. Mit der richtigen Unterstützung entwickeln sie sich oft schneller als gedacht zu einem Selbstläufer.
- Unterstützung sichern: Der Rückhalt durch die Schulleitung und das Kollegium sind eine wichtige Voraussetzung.
- Verantwortung übergeben: Wer Schüler:innen echte Gestaltungsspielräume gibt, schafft die Grundlage für eigenständiges Lernen und unternehmerisches Handeln.