Ein Garten, ein Glas, eine Geschichte – Fockes Naschgarten in Bremen
An der Wilhelm-Focke-Oberschule in Bremen-Gröpelingen wächst mehr als Gemüse. Die Schüler:innenfirma Fockes Naschgarten verbindet nachhaltiges Wirtschaften mit echter Erinnerungskultur – von selbst angebauten Marmeladen bis hin zu einem Rezeptbuch mit Geschichten verstorbener Großmütter.
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Der Garten als Klassenzimmer
Fockes Naschgarten ist im Schulleben der Wilhelm-Focke-Oberschule fest verankert. Der Schulgarten wird von Sechstklässler:innen im Wahlfach Flora und Fauna bewirtschaftet – einem Fach, das als Alternative zu Fremdsprachen angeboten wird und besonders Schüler:innen mit Lernschwierigkeiten oder Verhaltensbesonderheiten anspricht. „Die sagen am Ende: ‚Frau Schleese, ich habe in keinem Fach so viel gelernt, was ich später auch brauchen kann, wie in Flora und Fauna und in Fockes Naschgarten’“, berichtet die Lehrerin.
Wer in Jahrgang sechs Feuer fängt, kann in der neunten Klasse in die Schüler:innenfirma einsteigen. Manche kommen sogar als Zehntklässler:innen freiwillig in ihren Freistunden wieder in den Garten zurück oder begleiten Samstags die Verkäufsstände auf Märkten.
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Eine Schülerin, eine Idee, ein Herzensprojekt
Das Besondere an Fockes Naschgarten ist nicht nur der Garten, sondern das Projekt „Vergiss mein Nicht – Rezepte mit Herz und Geschichte“. Es entstand aus einem Vorstellungsgespräch: Eine Schülerin, die sich für die Kreativabteilung beworben hatte, kam mit einer fertigen Idee. Sie wollte mit Altenheimen zusammenarbeiten und alte Rezepte sammeln, inspiriert von den Kochbüchern ihrer Großmutter. Sie war schon eigenverantwortlich losgezogen und hatte informell Kontakt aufgenommen“, erzählt die Lehrerin. Die Gruppe traf eine gemeinsame Entscheidung: Das machen wir.
Aus dem Rezeptsammeln wurde ein Erinnerungsprojekt. „Die Schüler:innen nehmen nicht nur Rezepte auf, sondern auch die Geschichten dahinter. Herausgekommen ist ein illustriertes Buch: „Von Früher und Überall – Vegetarische Rezepte und Geschichten“, dessen Illustrationen von einer Schülerin stammen, die das Projekt als Projektprüfung in Klasse zehn weiterführte.
Besonders bewegend war eine Anfrage aus der Schulgemeinschaft: Ein Vater bat die Schüler:innen, nach den Rezepten seiner verstorbenen Mutter Marmeladen zu kochen – verpackt mit Kerze und Serviette, so wie es die Mutter immer gemacht hatte. Die Gläser wurden auf der Beerdigung als Erinnerungsgeschenk verteilt. „So ist es im Moment eher: Angehörige kommen mit Rezepten und sagen, ich hab die Geschichte von Mama, ich würde euch das gern erzählen“, berichtet die Lehrerin.
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Nachhaltigkeit als Haltung, nicht als Zusatz
Im Naschgarten ist Nachhaltigkeit kein Thema, das von außen herangetragen wurde. „Wir wollen von der Pflanze alles verwenden und nichts wegwerfen“, sagt die Lehrerin. Produkte werden in Gläsern statt Plastik abgefüllt, Zutaten möglichst regional bezogen, Anbau wo möglich selbst gemacht – gerade experimentiert die Gruppe mit eigenem Hafer. Manchmal entstehen daraus ungewöhnliche Kombinationen: Aprikosenmarmelade mit Lakritz, Süßkirsche mit Tomate und Rosmarin. „Wir versuchen, Sachen zu kreieren, die nicht jeder macht“, sagt die Lehrerin.
Reflektiert wird das alles in der wöchentlichen „Naschkonferenz“, in der jeden Donnerstag der Freitag vorgeplant und aktuelle Fragen besprochen werden. Eine Schülerin beschreibt es schlicht: „Wir gucken nicht jede Woche, was wir verändern können. Aber wenn uns was auffällt, sprechen wir es an.“
Am Stand erklären, was Nachhaltigkeit kostet
Wer auf Wochenmärkten ein Glas Marmelade für drei Euro verkauft, muss das auch vertreten können. Immer wieder kommen Kund:innen, die nachfragen, warum ein kleines Glas so viel kostet. Für die Schüler:innen ist das keine unangenehme Situation, sondern eine Gelegenheit: Sie erklären, dass die Gläser teurer sind als Plastikverpackungen, dass Biozutaten ihren Preis haben, dass die Produkte von Hand hergestellt werden. „Wir sind einfach ein stimmiges Gesamtpaket“, sagt eine Schülerin und meint damit nicht nur die Produkte, sondern die Menschen dahinter.
Geplant ist, die Verbindung von Produkt und Geschichte noch sichtbarer zu machen: Über QR-Codes auf den Gläsern sollen Kund:innen direkt zu Videogeschichten gelangen – erzählt von den Menschen, deren Rezepte dahinterstecken.
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Eine echte Firma mit echter Verantwortung
Die Schüler:innenfirma ist organisiert wie ein echtes Unternehmen: Bewerbungsverfahren mit Vorstellungsgesprächen und Probearbeiten für alle Leitungspositionen – von der Geschäftsführung über Produktionsleitung und Marketing bis zur Gartenleitung. Wer eine Leitungsposition übernimmt, produziert trotzdem mit. Als eine Mitschülerin wiederholt keine Küchenhaube trug, gingen die Produktionsleiterinnen zuerst zur Schüler-Geschäftsführung – und erst dann zur Lehrerin. „Das ist halt cool, man geht zu den Schüler:innen“, sagt eine der beiden.
„Da sind sie, die Ahnung haben, da sind sie, die hinterm Stand all ihr Wissen anwenden können“, sagt die Lehrerin über ihre Schüler:innen auf dem Markt. Dass engagierte, gut ausgebildete Jugendliche hinter dem Stand stehen, ist für viele Kund:innen der eigentliche Kaufgrund, nicht nur das Produkt im Glas.