Wie Schüler:innen Unternehmergeist lernen

Reportage von Kathleen Fietz

Was passiert, wenn junge Menschen einfach mal groß denken dürfen? In einem Workshop an einer Hamburger Berufsschule entstehen Ideen, die von Apps gegen Müll bis zur Revolutionierung des Schulsystems reichen. Dabei erleben Schüler:innen, dass sie ihre Lebens- und Berufswelt aktiv gestalten können. 

Manchmal braucht es Mut. Den Mut, an seine Ideen zu glauben und nicht zu schnell aufzugeben. Der berühmte Erfinder Thomas Edison hat Tausende von Versuchen gebraucht, bis es ihm endlich gelang, mit einem verkohlten Bambusfaden eine Glühbirne mehrere Stunden brennen zu lassen. Damit wurde er vor mehr als 100 Jahren berühmt. 

Melissa Heim erzählt diese Geschichte von Edison und der Glühbirne gern in Workshops wie dem heutigen an einer Hamburger Berufsschule. „Ich wünsche mir, dass die Jugendlichen das mitnehmen: den Mut dranzubleiben und ihre Ideen zu verfolgen, auch wenn diese nicht sofort funktionieren oder andere sagen: Das ist eine doofe Idee.“. Um partizipative, kreative und lösungsorientierte Formate der Entrepreneurship Education geht es in dem Workshop „Ideen entwickeln“, den sie und ihr Kollege Johann Dralle anleiten. Er findet im Rahmen des Programms Startup Ausbildung! in Kooperation mit dem Zentrum für Entrepreneurship der Privaten Hochschule Göttingen (PFH) statt, an dem Melissa Heim und Johann Dralle arbeiten.

v.l.n.r.: Melissa Heim und Johann Dralle © DKJS/ Jann Wilken

Drei Tage, sechs Teams, jede Menge Kreativität

Drei Tage lang entwickeln sie mit rund 20 Schüler:innen Geschäftsideen und stärken damit deren Zukunftskompetenzen wie Teamfähigkeit, Innovationsfähigkeit, Problemlösekompetenz, Eigenverantwortung und Kommunikationsfähigkeit. Die Teilnehmenden sind 17 oder 18 Jahre alt und machen an der Beruflichen Schule für Medien und Kommunikation in Hamburg eine Ausbildung zur/m kaufmännischen Assistent:in mit Schwerpunkt Medienwirtschaft und Medienproduktion. Dies ist eine zweijährige vollschulische Ausbildung; in zwei Monaten werden sie ihre Abschlussprüfung ablegen.

Zwei Tage gemeinsames kreatives Arbeiten liegen schon hinter ihnen. Heute, am dritten und letzten Tag des Workshops, werden die Schüler:innen in sechs Kleingruppen die Ideen, die sie gemeinsam entwickelt haben, präsentieren. Davor bekommen sie noch eine Stunde Zeit, um ihre Präsentationen vorzubereiten. Die Kleingruppen sitzen vor Laptops an kleineren Tischen, eine Vierergruppe steht vor einem Bildschirm, auf dem groß „Zielgruppen“ prangt. Gemeinsam brainstormen sie, wen sie mit ihrer Idee ansprechen wollen. Johann Dralle geht von Team zu Team und gibt letzte Tipps: „Es wäre spannend, wenn ihr noch mal überschlagt, was die Programmierung eurer App kosten würde“, rät er einer Gruppe „Guckt doch mal nach, zu welchen Nachhaltigkeitszielen der UN eure Idee einen Beitrag leisten könnte, das könntet ihr in eure Präsentation noch mit aufnehmen“, sagt er zu einem anderen Team.

Vom Problem zur Idee: Kreativmethoden im Einsatz

Ihre Ideen haben die Schüler:innen mithilfe einer kreativen Verbindungsmethode entwickelt. In großen Gruppen machten sie eine Umfeldanalyse und sammelten Orte, an denen sie sich bewegen – wie Schule, Krankenhaus, Strand oder Supermarkt. Dann überlegten sie gemeinsam, welche Herausforderungen ihnen an diesen Orten begegnen können, wie etwa Müll, Krankheiten oder fehlende kreative Freiheit. In einem nächsten Schritt trugen sie in Teams ihre Gemeinsamkeiten zusammen und danach, was sie als Einzelne ausmacht und welche individuellen Kompetenzen sie in ihr Team einbringen können. Auch die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN haben sie kennengelernt. All das Erarbeitete verbanden sie auf Flipcharts miteinander und entwickelten daraus ihre Ideen. Wichtig dabei war: sich nicht sofort zu beschränken, sondern erst einmal möglichst frei und auch mal verrückt zu denken.

Mehr als Unternehmertum: Selbstwirksamkeit lernen

Entrepreneurship Education wird in der schulischen und beruflichen Bildung immer wichtiger. Dabei geht es um viel mehr als bloßes Unternehmertum, nämlich um die Erfahrung der Selbstwirksamkeit und wichtige Zukunftskompetenzen, auch was das eigene Leben im Allgemeinen angeht.

„Es ist wichtig, dass junge Menschen lernen: Ich bin selbst dafür verantwortlich, mein Leben zu gestalten, und es gibt Höhen und Tiefen und immer auch mal Gegenwind. Sie lernen, dass sie selbst für sich entscheiden und auch mal ausbrechen können aus vorgezeichneten Wegen“

Melissa Heim

Dass es bei den entwickelten Ideen nicht immer um eine konkrete Geschäftsidee gehen muss und die Schüler:innen auch größer denken können, zeigt gleich das erste präsentierende Team. Lili und Florian wollen nichts weniger, als das Schulsystem zu revolutionieren, und haben eine Schule nach ihren Ideen entwickelt. Die beiden stehen vor der Gruppe und präsentieren ihre Idee auf einem großen Bildschirm. Lili wirkt dabei so selbstsicher, als würde sie nicht zum ersten Mal vor einer großen Gruppe sprechen: „Jeder von euch kennt das: Der Wecker klingelt um 6 Uhr morgens, man ist todmüde, es ist dunkel und kalt. Damit man noch ein paar Minuten länger liegen bleiben kann, verzichtet man auf das Frühstück, oder? Was zieht ihr vor: frühstücken oder länger schlafen?“ Einige Mitschüler rufen rein: „Länger schlafen.“

Dann zeichnen Lili und Florian das Bild eines neuen Schulsystems, das sie sich wünschen, mit späteren Anfangszeiten, individueller Förderung, handyfreien Zeiten und lebensnahem Lernen.

„Welche Kurse hättet ihr an eurer Schule cool gefunden? Schmeißt mal was in die Runde!“, fordert Lili die anderen auf und sammelt deren Antworten: Programmieren, Kochen, Nähen oder Kampfsport. „Schule sollte auf das Leben vorbereiten und das sollte auch Spaß machen“, bringt Florian die Idee seines Teams noch mal auf den Punkt. „Wichtig war, dass das Team sich nicht sofort von Schulgesetzen, Lehrplänen oder Vorschriften hat beschränken lassen, sondern wirklich frei und kreativ darüber nachgedacht hat, wie Schule sein könnte“, sagt Melissa Heim nach der Präsentation.

© DKJS/ Jann Wilken

Von Visionen bis Geschäftsideen

Die anderen Teams haben sich konkretere Geschäftsmodelle überlegt: Musik an Bushaltestellen, ein Hochpräzessionsintimreiniger nach japanischem Vorbild, eine Cool-Cup, mit der sich unterwegs Getränke umgehend kühlen lassen und Magnete für die Vorhänge an Umkleidekabinen, damit man dort nicht immer von außen reingucken kann. Die 18-jährige Lara hat mit ihrem Team die Idee einer App „Trash Track“ entwickelt. Eine App, die eine Alternative zu festen Müllsammelaktionen bietet: „Du verabredest dich mit Freunden, ihr sammelt zusammen Müll, fotografiert das und tragt das in der App an dem Standort, den ihr gesäubert habt, ein“, erklärt Lara in ihrer Präsentation. „Wir machen halt alle immer wieder die Erfahrung in der Stadt: Wenn wir mal schön im Park sitzen wollen, sitzen wir oft zwischen Müll“, erzählt sie auf die Frage, wie ihr Team auf die Idee gekommen ist. Zudem sei ihnen allen Nachhaltigkeit sehr wichtig.

Zum Ende des Workshops tragen alle in der großen Gruppe zusammen, was sie aus diesen drei Tagen mitnehmen und was ihnen vielleicht noch gefehlt hat.

„Ich fand es gut, sich nicht gleich von Beginn an zu beschränken, sondern erstmal frei Ideen zu entwickeln, sonst kann man ja gar keine neuen Wege gehen. Und das kann man überall benutzen, ob man ein Unternehmen gründen will oder einfach fürs eigene Leben.“

Lara, Schülerin

Gut gefallen habe Laraauch das Präsentieren, weil man das in der Schule viel zu wenig lerne. „Ideen zusammen entwickeln“, sagt eine anderer Teilnehmerin. „Ich fand die Kreativitätstechniken gut“, sagt ein Schüler und ein weiterer gibt das Feedback: „Weniger nachdenken und einfach mal machen.“ Einige der Teilnehmenden melden zurück, dass sie gern länger Zeit gehabt hätten, um die konkrete Umsetzung ihrer Ideen weiter zu planen und einen Prototyp zu entwickeln. Dafür seien die drei Tage leider zu kurz gewesen.

© DKJS/ Jann Wilken

Der Workshop: Auftakt für ein neues Lernfeld

Die Chance, tatsächlich an ihren Ideen weiterzuarbeiten, sie weiterzuentwickeln oder aber noch mal zu verändern, haben sie ab nächster Woche, denn der Workshop versteht sich als Kick-off für ein ganz neues Lernfeld an der Berufsschule. „Wir haben auf Grundlage der KMK-Vorgaben das Lernfeld ‚Ein Unternehmen gründen‘ entwickelt, das nächsten Montag zum ersten Mal startet“, erklärt die Lehrerin Sandra Brauns. Sie war eine der Initiatorinnen des Workshops an der Schule. „Ich finde es gut, wenn die Schülerinnen und Schüler nicht immer nur uns im Unterricht haben, sondern auch von Menschen von außen einfach mal anderen Input bekommen, neue Kreativitätstechniken kennenlernen und dadurch auch eine andere Motivation erhalten“, erklärt sie weiter und ist sehr gespannt, welche Ideen ihre Schüler:innen vielleicht weiterentwickeln und welche in den nächsten Wochen auf der Grundlage des Workshops ganz neu entstehen.

„Entrepreneurship Education ist viel ergebnisoffener als klassischer Unterricht.“ 

An der Beruflichen Schule für Medien und Kommunikation in Hamburg diente der Workshop als Kick-off für ein ganz neues Lernfeld zu Entrepreneurship Education. Was die Schüler:innen aus dem Workshop mitgenommen haben, wie die Idee für das neue Lernfeld entstand und was man als Lehrkraft dafür mitbringen sollte, erzählt die Lehrerin Sandra Brauns einige Wochen nach dem Workshop.

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