13.04.2026

„Wir sehen uns als Berater:innen.“

Netzwerk Entrepreneurship Education

Wie gelingt es, Entrepreneurship Education sinnvoll und lebendig im Schulalltag zu integrieren? Ole Schröder, Lehrer an der Beruflichen Schule Hamburg-Harburg (BS18) war zu Gast in unserem digitalen Impulsformat EE.kompakt und hat Einblicke in dessen Schulpraxis gegeben. Im Gespräch wurde deutlich: Es geht nicht nur um neue Methoden, sondern auch um ein verändertes Rollenverständnis von Schule und Lehrkräften.

An der BS18 wird Entrepreneurship Education in drei Bereichen umgesetzt: im Wahlpflichtunterricht, in einem Lernfeld und einer Schüler:innenfirma. Drei unterschiedliche Zugänge mit einem gemeinsamen Ziel: Schüler:innen den Raum geben, eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen.

Die Schüler:innenfirma: Lernen durch Verantwortung

Seit vier Jahren gibt es an der Schule eine Schüler:innenfirma. Die Nachfrage ist groß. Maximal 15 Schüler:innen können teilnehmen, daher entscheidet ein Bewerbungsverfahren über die Aufnahme. Begleitet wird die Gruppe von zwei Lehrkräften.

Was die Schüler:innenfirma besonders macht? Es gibt kein festes Produkt. Stattdessen entwickeln die Schüler:innen jedes Jahr aufs Neue eigene Ideen. Während zu Beginn vor allem nachhaltige Projekte entstanden – von recycelten Thermobechern über Hoodies bis hin zu Samenkugeln für den Garten – hat sich der Fokus weiterentwickelt. Heute stehen stärker soziale und ökologische Projekte im Mittelpunkt, etwa Spendenaktionen für obdachlose Menschen oder Initiativen wie Vogelfutter-Kugeln.

Mit dieser Offenheit verändert sich auch die Rolle der Lehrkraft grundlegend: „Wir sehen uns als Berater:innen“, sagt Ole Schröder. „Wir geben Struktur, begleiten Meetings – aber inhaltlich halten wir uns bewusst zurück.“

Für viele Schüler:innen ist das zunächst ungewohnt. Sie sind es gewohnt, klare Vorgaben zu bekommen. Auch Scheitern gehört dazu – und wird zum Lernmoment für alle Beteiligten.

„Dieses Loslassen braucht Zeit. Und man muss auch aushalten, dass Dinge nicht sofort funktionieren.“

Ole Schröder

Wahlpflichtunterricht: Wenn Motivation über den Unterricht hinausgeht

Auch im Wahlpflichtunterricht für den Bildungsgang Kaufleute für Büromanagement wird unternehmerisches Denken gefördert. Über ein Schulhalbjahr hinweg entwickelten die Schüler:innen eigene Geschäftsideen. Nach einer intensiven Inputphase wurde es praktisch: Ideen entstanden, Geschäftsmodelle wurden entwickelt, Prototypen gebaut. Den Abschluss bildete ein „Markt der Möglichkeiten“, auf dem die Projekte präsentiert wurden.

Was Ole Schröder besonders beeindruckt hat: die Eigenmotivation vieler Schüler:innen. „Einige Gruppen haben sogar am Wochenende weitergearbeitet – zum Beispiel, um ein Video für ihre Geschäftsidee zu produzieren.“

Projekte im Lernfeld: Der Prozess zählt

Auch in den Lernfeldern ist Entrepreneurship Education fest verankert. Dafür werden fachliche Inhalte gezielt komprimiert, um Raum für projektorientiertes Arbeiten zu schaffen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das perfekte Endergebnis, sondern der Weg dorthin.

Wichtig sei die Reflexion: Die Schüler:innen setzen sich regelmäßig mit ihrem Vorgehen auseinander, erkennen Herausforderungen und übernehmen Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess.

Die Entwicklung ist deutlich spürbar: „Die Schüler:innen arbeiten selbstständiger, kommunizieren mehr und wissen besser, wie sie sich strukturieren müssen“, so der Lehrer. Besonders auffällig sei, wie selbstverständlich viele Verantwortung für ihren eigenen Prozess übernehmen.

Sich trauen, einfach anzufangen

Was rät Ole Schröder anderen Lehrkräften und Schulen, die selbst mit Entrepreneurship Education starten möchten?

  • Zeit einplanen: „Man braucht Freiräume – und muss akzeptieren, dass man Inhalte teilweise komprimiert.“
  • Einfach ausprobieren: „Mir hat es geholfen, erstmal auszuprobieren und zu schauen, was funktioniert – und was nicht.“
  • Rolle reflektieren: Entrepreneurship Education bedeutet auch, die eigene Haltung als Lehrkraft zu hinterfragen.
  • Zielgruppe im Blick behalten: „Jeder Bildungsgang ist anders – darauf muss man die Formate anpassen.“

Sein wichtigster Rat: Dem Prozess vertrauen. Wenn man dranbleibt, passieren richtig gute Dinge. „Es ist toll zu sehen, wie Schüler:innen aufgehen, wenn sie intrinsisch motiviert sind“, so Ole Schröder. Oft würden sie Kompetenzen zeigen, die im klassischen Unterricht verborgen bleiben.

Blick nach vorn

An der BS18 soll Entrepreneurship Education weiter wachsen. Geplant ist, Lernfelder noch stärker zu strukturieren, Projektphasen zu optimieren und die Zusammenarbeit im Kollegium auszubauen. Perspektivisch sollen die Ansätze auch auf weitere Bildungsgänge übertragen werden.