05.02.2026
Eigene Ideen in die Tat umsetzen
Was bedeutet Entrepreneurship Education und wie lässt sich unternehmerisches Denken und Handeln im (Berufs-)Schulalltag fördern? Diese und weitere Fragen standen im Mittelpunkt unseres digitalen Impulsformats EE.kompakt mit PD Dr. Mark Euler vom ZE Zentrum für Entrepreneurship der PFH Private Hochschule Göttingen.
© DKJS/ Julia Shropshire
Zukunftskompetenzen fördern – durch Entrepreneurship Education
Entrepreneurship Education ist ein didaktischer Ansatz, der das Selbstvertrauen und die Fähigkeiten von Schüler:innen fördert, eigene Ideen in die Tat umzusetzen. Dabei werden zentrale Zukunftskompetenzen des unternehmerischen Denkens und Handelns wie Kreativität, Innovationsfähigkeit, Eigeninitiative und Problemlösefähigkeit gestärkt. Bei Entrepreneurship Education geht es damit nicht nur um die Gründung eines eigenen Unternehmens, sondern ebenso darum, im Unternehmen Verantwortung zu übernehmen, eigene Ideen einzubringen und Veränderungsprozesse aktiv mitzugestalten (Intrapreneurship) sowie die eigenen Lebens- und Karrierewege voranzutreiben. Um diese Kompetenzen nachhaltig zu entwickeln, braucht es gezielte Lerngelegenheiten – insbesondere in der (Berufs-)Schule.
Ideen in die Tat umsetzen wird als ein Prozess verstanden, der typischerweise vier Schritte umfasst:
- 1. Erkennen eines ungelösten Problems oder eines nicht befriedigten Bedürfnisses
- 2. Entwicklung einer eigenen Idee zur Lösung des Problems
- 3. Planung eines Konzepts zur Umsetzung der Idee
- 4. Umsetzung der Idee bzw. des Konzepts
Ins Tun kommen – durch Mikro-Methoden
Entrepreneurship muss nicht direkt als eigenes Fach umgesetzt werden. Stattdessen lassen sich die Kompetenzen bereits durch kleine Mikromethoden, sogenannte Mikro-Herausforderungen (Challenges), fördern. Diese können in jedem Unterrichtsfach eingesetzt werden und haben nachweislich einen positiven Effekt auf den Lernerfolg von Schüler:innen.
Mikro-Herausforderungen bestehen aus kleinen, praxisnahen Aufgaben, die Lernende aktiv ins Handeln bringen und so ihre Handlungskompetenz stärken. Durch regelmäßige Impulse entwickelt sich schrittweise eine unternehmerische Haltung im Sinne von: „Ich muss etwas machen!“
Um diese Interaktion praktisch zu stärken, empfiehlt sich folgender Ablauf:
- Ausgangssituation: Was siehst du kritisch bzw. wie bewertest du die Situation?
- Ideenentwicklung: Welche Alternativen würdest du bevorzugen oder könntest du dir vorstellen?
- Planung: Wie könntest du das umsetzen? Was müsstest du machen, um deine Wunsch-Alternative zu bekommen?
- Umsetzung
- Reflexion: Was hast du gelernt? Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?
Beispiel 1: Tafelbild
Sie sind Lehrkraft und binden in Ihrem Unterricht eine digitale Präsentation oder Tafel ein. Integrieren Sie hier bewusst eine Folie, Seite o.ä., auf der Sie Text in einer sehr kleinen Schriftgröße einfügen und binden Sie diese kommentarlos in Ihren Unterricht ein. Dann warten Sie auf die Reaktion Ihrer Schüler:innen. Im Idealfall stehen die Schüler:innen proaktiv auf und kommen nach vorn, um den Text zu lesen.
Diese Aktion stellt eine eigenständige, proaktive Handlung dar und folgt dem beschriebenen Idealprozess:
- Ausgangslage: Die Schüler:innen erkennen ein Problem (unleserliche Schrift).
- Ideenentwicklung: Wenn ich näher am Tafelbild bin, könnte ich die Schrift lesen.
- Planung: Ich sollte aufstehen und an die Tafel gehen, um den Text dort zu lesen.
- Umsetzung: Ich stehe auf und gehe zur Tafel.
- Reflexion: Was hat funktioniert? Warum habe (oder habe ich nicht) gehandelt?
Beispiel 2: Das Geldstück
Sie sind Lehrkraft und stehen vor ihren Schüler:innen im Unterricht. Sie halten ein Geldstück in die Höhe und sagen: „Wer möchte sich in der Pause einen kleinen Snack kaufen? Ich habe hier 1€.“ Dann warten Sie.
Im Idealfalls stehen die Schüler:innen auf und kommen proaktiv auf Sie zu, um sich das Geldstück abzuholen.
- Ausgangslage: Die Lehrkraft hält ein Geldstück in der Hand und bietet uns dieses an.
- Ideenentwicklung: Wenn ich mir das Geldstück hole, könnte ich mir einen Snack in der Pause kaufen.
- Planung: Ich sollte aufstehen und zur Lehrkraft gehen.
- Umsetzung: Ich stehe auf und hole mir das Geldstück ab.
- Reflexion: Was hat funktioniert? Warum habe (oder habe ich nicht) gehandelt?
Unterstützende Rahmenbedingungen schaffen
Eine Person setzt eine Idee dann in die Tat um, wenn sie diese für wertvoll hält und gleichzeitig erwartet, dass sie diese Idee in der aktuellen Situation durch ihr eigenes Handeln erfolgreich verwirklichen kann. Lehrkräfte können dies unterstützen:
- Wert – z.B. durch Lob, Sichtbarmachung von ungewöhnlichen und/oder innovativen Ideen, öffentliche Wertschätzung, gute Noten
- Erwartung – z.B. durch die transparente Kommunikation von (Teil-)Zielen, Anforderungen und Aufgaben.
- Situation – z.B. durch die Förderung einer positiven Fehlerkultur, eines wertschätzenden Klassenklimas und regelmäßige Hilfestellungen.
Entrepreneurship Education lässt sich in nahezu jedes Unterrichtsfach einbinden – meist schon mit kleinen Aufgaben. Fächerübergreifend eingebunden, lassen sich die Kompetenzen wie auch eine entsprechende Haltung bei den Schüler:innen nachhaltig stärken. Hier finden Sie praxisnahe Impulse:
Geschichte – Klasse 5. und 6. (Gymnasium)
Thema: „Lebensformen im Mittelalter: Lehnswesen und Grundherrschaft, Kloster, Stadt.“
Aufgabe: Welche Rolle spielte das unternehmerische Denken und Handeln der Kaufleute (Entrepreneure) für die Entwicklung hin zur Moderne?
Ausbildungsberuf Bäcker:in
Rahmenlehrplan Hamburg: Lernfeld 13/ 3. Ausbildungsjahr: „Planen und Durchführen einer Aktionswoche“
Aufgabe: Entwickelt ein neues Backprodukt und eine Markteintrittsstrategie sowie ein Marketingkonzept hierfür. Setzt diese an einem „Markttag“ mit dem Verkauf der Produkte um.
Politik – 7. Klasse (Oberschule)
Thema: „Die Schülerinnen und Schüler beurteilen die Veränderung der Arbeit in ihrer gesellschaftlichen Auswirkung.“
Aufgabe: Wie hängen Entrepreneurship als Kompetenz, Employability und Demokratieförderung zusammen?
Empfehlungen für die schulische Praxis
#1 Instruktiv beginnen, offen enden
Selbstgesteuertes Lernen muss erst gelernt werden. Ein anfänglich noch stark instruktiver Ansatz kann schrittweise in offene, handlungsorientierte Formate übergehen.
#2 Regelmäßig kleine Challenges einbauen
Wiederkehrende Mikro-Herausforderungen nach dem Muster „Problem erkennen – Lösung entwickeln – umsetzen“ fördern nachhaltige Kompetenzentwicklung.
#3 Entrepreneurship Education fächerübergreifend einbinden
Mit etwas Kreativität lässt sich Entrepreneurship Education in nahezu jedes Fach integrieren.
#4 Eine positive Fehlerkultur fördern
Ein wertschätzendes Klassenklima ist entscheidend, damit Schüler:innen den Mut haben, ihre Ideen tatsächlich umzusetzen.
Downloadmaterialien
Weiterführende Informationen
- Euler, M. & Vollmar B. H. (2026). „Kleine Ursache – große Wirkung“: Mit Mikromethoden Entrepreneurship Education in Schulen einfach fördern. In A. Lange-Pitsoulis & A. Pitsoulis (Hrsg.), Die Qualifizierung für unternehmerisches Denken und Handeln: Ergebnisse der zweiten Entrepreneurship Education Fachkonferenz 2025. Universitäts-Verlag Hildesheim (im Erscheinen)
- Vollmar, B.H. & Euler, M. (2024). Der integrative Ansatz: Von projektorientiertem Lernen in der Entrepreneurship Education zu projektorientiertem Lernen als Entrepreneurship Education. In A. Lange-Pitsoulis & A. Pitsoulis (Hrsg.), Die Qualifizierung für unternehmerisches Denken und Handeln: Ergebnisse der ersten Entrepreneurship Education Fachkonferenz 2023 (S.1-13). Universitäts-Verlag Hildesheim. https://dx.doi.org/10.18442/011
Über den Referenten
PD Dr. Mark Euler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZE Zentrum für Entrepreneurship der PFH Private Hochschule Göttingen und dort zuständig für Entrepreneurship Education Angebote. Er arbeitet seit rund 25 Jahren an verschiedenen Hochschulen, u.a. der Universität Oldenburg und der Leuphana Universität als Gründungsberater und Entrepreneurship Educater.