22.07.2026
Lernen durch Handeln: Schüler:innenfirmen an beruflichen Schulen
Von der ersten Idee bis zum Verkauf: Schüler:innenfirmen ermöglichen es jungen Menschen, eigene Projekte zu entwickeln und wirtschaftliches Handeln unmittelbar zu erleben. Im Impulsformat EE.kompakt gab Prof. Dr. Vera Kirchner konkrete Anregungen für die Umsetzung an Schulen.
© DKJS/ Julia Shropshire
Im berufsschulischen Kontext besteht die Herausforderung, ökonomische Bildung, Berufliche Orientierung und die Förderung überfachlicher Kompetenzen miteinander zu verbinden. Schüler:innenfirmen bieten dafür einen besonders praxisnahen Ansatz: Lernende entwickeln eigene Produkte oder Dienstleistungen, treffen unternehmerische Entscheidungen und erleben wirtschaftliche Prozesse unmittelbar.
„Es ist ein anderes Lernen“
Eine Schüler:innenfirma bedeutet vor allem: gemeinsam Ideen entwickeln, Verantwortung übernehmen und eigene Vorhaben umsetzen. „Es ist ein anderes Lernen“, beschreibt Prof. Dr. Vera Kirchner den besonderen Charakter dieses Lernformats in ihrem Impuls.
Schüler:innenfirmen sind pädagogische Projekte, bei denen Jugendliche mit echten Produkten oder Dienstleistungen für reale Kund:innen arbeiten. Damit unterscheiden sie sich von Übungsfirmen oder Planspielen, in denen wirtschaftliche Abläufe simuliert werden. Die Authentizität der Aufgaben schafft Motivation und macht Erfolge, aber auch Herausforderungen, unmittelbar erfahrbar.
Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Kenntnisse. Die Schüler:innen lernen, im Team zu arbeiten, Entscheidungen zu treffen, Probleme zu lösen und Verantwortung für gemeinsame Prozesse zu übernehmen. Für berufliche Schulen bieten Schüler:innenfirmen damit die Möglichkeit, Unterricht stärker mit der Lebens- und Arbeitswelt der Jugendlichen zu verbinden und fachliche Inhalte mit realen Erfahrungen zu verknüpfen.
Von der Idee bis zur Reflexion
Im Impuls stellte Vera Kirchner die fünf Phasen einer Schüler:innenfirma vor:
- 1. Planung: Am Anfang steht die Geschäftsidee. Ausgehend von einer Marktanalyse entwickeln dieSchüler:innen ein Konzept und prüfen, wie sich ihre Idee umsetzen lässt.
- 2. Gründung: In dieser Phase schaffen dieSchüler:innen die Voraussetzungen für den Geschäftsbetrieb. Dazu gehören organisatorische Fragen, Rollenverteilungen und der Umgang mit möglichen Herausforderungen.
- 3. Geschäftsphase: Nun wird die Idee praktisch umgesetzt: Die Schüler:innen organisieren Arbeitsabläufe, stellen Produkte oder Dienstleistungen bereit und arbeiten arbeitsteilig im Team zusammen.
- 4. Auswertung: Die Ergebnisse werden betrachtet und analysiert. Was funktioniert gut? Wo gibt es Verbesserungsmöglichkeiten? Welche Herausforderungen müssen gelöst werden?
- 5. Reflexion: Zum Abschluss steht die gemeinsame Auswertung der Erfahrungen. DieSchüler:innen vergleichen ihre ursprünglichen Vorstellungen mit der Realität und machen sichtbar, was sie gelernt haben.
Damit Schüler:innenfirmen langfristig erfolgreich sind, braucht es eine gute Einbindung in schulische Strukturen. Lehrkräfte übernehmen dabei vor allem eine begleitende Rolle: Sie schaffen Rahmenbedingungen, geben Impulse und unterstützen die Jugendlichen bei ihren Entscheidungen. Dabei gilt der Grundsatz: „Begleiten statt steuern“.
Impulse für die Praxis
#1 In den Unterricht verankern
Schüler:innenfirmen sollten möglichst fest in den Unterricht eingebunden werden, damit wirtschaftliche Inhalte mit praktischen Erfahrungen verknüpft und reflektiert werden können.
#2 Mit kleinen Projekten starten
Empfehlenswert ist ein niedrigschwelliger Einstieg, beispielsweise über ein Schulfest, ein kleines Verkaufsprojekt oder eine zeitlich begrenzte Geschäftsidee.
#3 Gemeinsam Verantwortung übernehmen
Eine erfolgreiche Schüler:innenfirma entsteht durch Zusammenarbeit. Lehrkräfte, Schulleitung, Fördervereine und externe Praxispartner:innen sollten gemeinsam Verantwortung übernehmen.
#4 Eigenständiges Arbeiten ermöglichen
Die Rolle der Lehrkraft verändert sich: Nicht die Steuerung steht im Vordergrund, sondern die Begleitung der Lernprozesse. So können Schüler:innen eigene Entscheidungen treffen und Selbstwirksamkeit erfahren.
#5 Reflexion einplanen
Regelmäßige Reflexionsphasen helfen dabei, Erfahrungen auszuwerten, Fehler konstruktiv zu nutzen und Lernprozesse sichtbar zu machen.
#6 Unterstützungsangebote nutzen
Wettbewerbe, regionale Netzwerke und Unterstützungsangebote können zusätzliche Motivation und organisatorische Unterstützung bieten.
Schüler:innenfirmen schaffen Lernräume, in denen Jugendliche eigene Ideen entwickeln, wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen und Erfahrungen sammeln, die weit über den Unterricht hinausreichen. Für berufliche Schulen bieten sie eine Möglichkeit, Lernen stärker an realen Herausforderungen auszurichten.
Über die Referentin
Prof. Dr. Vera Kirchner ist Professorin für Ökonomische Bildung an der Universität Potsdam. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Entrepreneurship Education, Finanzielle Allgemeinbildung, Berufliche Orientierung, Digitalisierung und digitales Lehren und Lernen, Lehrer:innenprofessionalität und -kompetenzen, fachdidaktisches Design von Lehr-Lern-Settings. Gemeinsam mit Celine Maerz hostet sie den Podcast „Ökonomische Bildung to go“, den man kostenfrei über Open Spotify streamen kann.
Literatur
- Kirchner, V. & Penning, I. (2025): Schüler:innenfirma. Im offenen Lehrbuch Wirtschaft unterrichten – aktueller Überblick zu Umsetzung und Potenzialen von Schüler:innenfirmen.
- Unterstützungsangebote und Praxisplattformen bieten u.a. die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, das Institut der Deutschen Wirtschaft mit dem Programm „JUNIOR“, „Jugend gründet“, „Unternehmergeist in die Schule“ sowie regionale Unterstützungsstrukturen wie die Servicestelle Schülerfirmen Brandenburg.
- Der Podcast „Schülerfirmen tischen auf“ der Servicestelle Schülerfirmen Brandenburg stellt in mehreren Folgen konkrete Schülerfirmen aus den Bereichen Catering, Pausenversorgung und Lebensmittelverarbeitung vor und bietet praxisnahe Einblicke in Erfahrungen, Herausforderungen und erfolgreiche Umsetzungen im schulischen Alltag.